Interview mit Nachwuchs-Bundestrainer Jens Tietböhl
30.05.2014 - 18:58 (Malte)

Interview mit Nachwuchs-Bundestrainer Jens Tietböhl



Für alle die am Wochenende nicht in Biberach sein konnten und kein Programmheft in die Hand bekommen haben: Hier das Interview mit Nachwuchs-Bundestrainer Jens Tietböhl.
Die besten Nachwuchsvolleyballerinnen aus ganz Deutschland treten bei der U20-DM in Biberach an. Da hat auch der Bundestrainer Jens Tietböhl ein Auge drauf, auch wenn er in diesem Jahr wegen einer Terminüberschneidung wohl nicht in der Halle sein kann. Tietböhl ist seit 2011 Bundestrainer für den Nachwuchs beim DVV. In der kommenden Saison wird er mit dem VCO-Berlin in der Ersten Bundesliga an den Start gehen. Das Team steigt diesmal nicht nur wegen des Sonderspielrechts als Bundesstützpunkt auf, sondern auch sportlich, als Meister der zweiten Liga Nord.

Jens, welchen Stellenwert hat aus Deiner Sicht als Bundestrainer die U20-DM? Gab es für Dich Überraschungen bei der Qualifikation für die DM?

Jens: „Jede deutsche Meisterschaft ist für unsere Nachwuchsspieler ein Riesenevent und sportlicher Höhepunkt in der noch jungen Laufbahn. In der U20-Meisterschaft zeigen die besten Juniorinnen ihr Können. Für viele ist eine erfolgreiche Meisterschaft das Sprungbrett in die 1.Bundesliga. Eine dicke Überraschung war für mich das Ausscheiden des USC Münster in der Regionalmeisterschaft West.“

Kannst Du schon einen Favoriten ausmachen, oder zumindest sagen, wer vorne dabei sein wird?

Jens: „Die Vereine, die Bundesstützpunktspielerinnen in ihren Reihen haben, werden sicherlich die größten Chancen haben mit ihren Teams den Titel zu gewinnen. Der Dresdner SC ist der U20-Champion von 2012 und 2013 und dürfte auch in diesem Jahr wieder einer der Topfavoriten sein.“

Die deutschen Jugendmannschaften sind in der Weltrangliste kräftig abgerutscht. Danach gab es deutliche Worte von Dir und anderen Trainern. Welche Konsequenzen wurden gezogen, welche Maßnahmen vereinbart oder schon auf den Weg gebracht?

Jens: „Das Problem ist nicht mit deutlichen Worten und Konsequenzen zu lösen, die Ursachen liegen viel tiefer im System. Es gibt einige neue Ideen und Lösungsansätze, die auf vielen Ebenen diskutiert und besprochen werden. Wir brauchen z.B. viele hungrige, ehrgeizige Vereine mit tollen, motivierten Spielerinnen und Trainern. Das Niveau in den Landesauswahlen muss erhöht werden. Das Konzept, die besten Talente an unseren Internaten in Schwerin, Dresden, Berlin, Stuttgart und Münster mit einer perfekten Verzahnung von Schule und Sport zu fördern, ist der absolut richtige Weg. Wenn wir das gemeinsam mit viel besserer Qualität hinbekommen, werden wir auch im internationalen Ranking wieder nach vorne rutschen.“

Mit der U19-Nationalmannschaft habt ihr Ende April die direkte Qualifikation zur Europameisterschaft verpasst. Worin siehst Du die Gründe dafür? Was muss sich verändern?

Jens: „Ja, leider hat es zur direkten Qualifikation nicht gereicht, wir haben das wichtigste Spiel gegen Slowenien verloren. Sie waren an diesem Tag einfach spielstärker und abgezockter, wir hingegen viel zu nervös und fehlerhaft.
Wir haben trotzdem eine sehr gute, talentierte deutsche Mannschaft und versuchen jetzt bei der nächsten Qualifikationsrunde im Juli das EM-Ticket zu lösen.“

Du hast es schon angesprochen, im Juli gib es noch eine letzte Chance an ein Ticket für die U19-EM zu kommen. Doch gegen Frankreich, Russland und Polen hängen die Trauben hoch. Wie siehst Du die Chancen für das deutsche Team?

Jens: „Es ist alles möglich. Alle diese Länder hätten sich auch gerne direkt qualifiziert. Aber andere Nationen, die bisher nicht so im Fokus standen, arbeiten auch an erfolgreichen Nachwuchskonzepten. Länder wie Belgien, Griechenland, Slowenien, Bulgarien oder Tschechien haben unglaublich aufgeholt und spielen international einen sehr erfolgreichen Volleyball. Wir werden in dieser zweiten Qualifikationsrunde, die in Moskau Anfang Juli gespielt wird, unsere Chance bekommen. Da bin ich mir sicher! Wir haben gute Qualitäten, wir müssen nur daran glauben und das Niveau zur richtigen Zeit abrufen.“

Welche Konsequenzen hätte nach der verpassten U18- und U20-WM 2013 eine Nichtqualifikation der U19 zur EM 2014?

Jens: „Sich im Moment mit verpassten Chancen zu beschäftigen hilft niemandem. Die Mannschaft geht mit aller Kraft in die Qualifikationsrunde nach Moskau und will dort das Ticket lösen. Der letzte Jahrgang der keine U19-EM erlebt hat, war die Generation 88/89 mit Zuspielerin Denise Hanke (jetzt in Istanbul). Das war 2006. Sie ist inzwischen eine Weltklassespielerin. Ansonsten waren wir immer dabei, 2008 Platz 5, 2010 Platz 4 und 2012 Platz 5. Und wir können es auch 2014 schaffen.“

Du hast vorher von anderen Nationen gesprochen, die in den vergangenen Jahren erfolgreiche Jugendkonzepte etabliert haben. Können wir uns da möglicherweise etwas abschauen und selber davon profitieren?

Jens: „Natürlich schaut man in andere Länder und denkt über deren Konzepte nach. Das ist schon sehr interessant, aber kopieren kann man keines. Unsere Struktur hat viele positive Seiten, es muss nur in viel besserer Qualität ausgebildet werden und wir brauchen einfach mehr Mädchen und Jungs, die leidenschaftlich Volleyball spielen.“



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